Ein Gründungsdokument des Unnaer Vereins existiert nicht, aber aus
zahlreichen Indizien und Beiträgen der Lokalzeitung kann mit großer
Sicherheit Anfang 1847 als Gründungsdatum erschlossen werden.
Die an prägenden Persönlichkeiten und denkwürdigen Aufführungen reiche,
160jährige Geschichte des Musikvereins Unna lässt sich in drei große
Epochen gliedern: 1847 – 1916, 1919 – 1967 und 1967 – heute.
Die ersten sieben Jahrzehnte der musikalischen
Arbeit wurden durch insgesamt sechs Dirigenten geprägt: Adalbert
Staab (1835 – 1851 in Unna tätig), Heinrich August
Petersmann (1851 – 1864), Kaspar Schrick
(1864 – 1874), Emil Kayser (1882 – 1892), Paul
Seibt (1892 – 1905) und Julius Janssen (1905 –
1916).
Zwischen dem am biedermeierlichen Musizierideal des
Liebhaberensembles orientierten Louis-Spohr-Schüler Adalbert Staab
und dem zu wilhelminischer Größe, zu Massenaufführungen und
musikalischen Weihestunden tendierenden Julius Janssen, dem Organisator
und Leiter der Westfälischen Musikfeste zwischen 1890 und 1909, liegen
Welten. Wurde um die Jahrhundertmitte in kleinen Besetzungen musiziert,
so bot man beim 8. Westfälischen Musikfest in Dortmund (unter
lebhafter Beteiligung des Musikvereins Unna) für eine Bach-Kantate 659
Sängerinnen und Sänger auf.
Das Singen und Musizieren im Kreise der Musikliebhaber bot Unnas
Bürgern künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten. Die Abonnementskonzerte
des Musikvereins, die aus vielen kleinen Piècen und einem größeren Werk
bestanden und oft mit Tanzveranstaltungen kombiniert waren, dienten
der gehobenen Unterhaltung und dem standesgemäßen gesellschaftlichen
Umgang.
Die Jahre nach 1874 waren durch eine Periode des Niedergangs des
Musikvereins gekennzeichnet. 1882 wurde ein sehr aktiver Gemischter
Chor gegründet. 1885 kam es zur Vereinigung beider Institutionen. Der
alte Musikverein mit seiner umfassenderen musikalischen Ausrichtung
(Kammermusik, volkstümliche Kammerchorwerke, Opern- und
Oratorienausschnitte) verwandelte sich in einen Oratorienchor.
Kriegsbedingt (Mangel an Männerstimmen) kamen die Aktivitäten des Unnaer Musikvereins 1916 zum Erliegen. Doch bald nach Kriegsende, im Sommer 1919, rief der neue 1. Vorsitzende, Carl Ortlepp, die Mitglieder wieder zusammen. Als Vorsitzender der Jahre 1882 – 1909 hatte sich der Fabrikant Heinrich Wigger große Verdienste erworben, und dem Zahnarzt Ortlepp fiel es nun zu, den Verein bis 1933, inoffiziell gar bis 1947, durch schwere Zeiten zu steuern. Es sollte sich als ausgesprochener Glücksfall in der Vereinsgeschichte erweisen, dass 1919 mit dem jungen, in Rotterdam geborenen Gerard Bunk (1888 – 1958) ein hochtalentierter, charismatischer Musiker als neuer musikalischer Leiter gefunden wurde, der bei allen – durch die politischen Verhältnisse bedingten – Diskontinuitäten die innere Mitte des Vereinslebens blieb, viele denkwürdige größere und kleinere Aufführungen leitete (darunter 1948 die Uraufführung seines eigenen Oratoriums „Groß ist Gottes Herrlichkeit“) und darüber hinaus auch viele Kammerkonzerte selbst bestritt.
In die Ära Bunk fiel die Gleichschaltung des gesamten Kulturlebens nach
der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Der Musikverein galt den
neuen Machthabern als elitäre Vereinigung und musste sich unter
ideologischem Druck Mitte 1933 in seiner alten Form auflösen. An seine
Stelle trat ein neu gegründeter „Städtischer Konzertchor“, in dem viele
Mitglieder des Musikvereins mitwirkten und dessen Leitung nach einigen
Versuchen, dies zu verhindern, Gerard Bunk übernahm. An musikalischer
Qualität und Konsequenz der Probenarbeit konnte dieser neue Chor
allerdings das Niveau des alten Musikvereins nie erreichen, und so legte
Bunk im September 1937 verbittert die Leitung nieder. Der Chor löste
sich auf, und damit trat im Unnaer Musikleben eine Unterbrechung bis
1945 ein.
Die Neugründung am 28.12.1945 war quasi eine
Selbstverständlichkeit, und unter Ortlepp und Bunk wurde mit über 40
ehemaligen Vereinsmitgliedern die musikalische Arbeit des Musikvereins
unter schwierigen Bedingungen wieder aufgenommen.
Neben der Probenarbeit trugen zahlreiche Ausflüge und Feste wesentlich
zum inneren Zusammenhalt des Vereins bei. Ein neuer junger Vorstand
unter Hans Thorwarth und Josef
Ruping zeichnete ab 1953 für die Geschicke des Vereins
verantwortlich.
Nach Gerard Bunks Tod übernahm der Musiklehrer Karl Mank jr.
von 1958 bis 1965 die musikalische Leitung. Der
Kirchenmusiker Karl Helmut Herrmann hatte den Chor
erst knapp zwei Jahre lang geleitet, als er Ende 1967 einem Ruf an den
Dom zu Schleswig folgte. Im November 1967 trat Reinhart Weiß das
Amt des Künstlerischen Leiters des Musikvereins an.
Wenige Jahre nach dem Amtsantritt von Reinhart Weiß fand im Vorstand
des Musikvereins ein Generationswechsel statt. Von 1972 an bildeten Werner
Brinkmann und Heinrich Thorwarth den
Vorstand des Vereins. Über mehr als drei Jahrzehnte lenkte dieses
Triumvirat mit großem Engagement, musikalischem Sachverstand und
beispielhaftem Organisationstalent die Geschicke des Musikvereins. Die
Geschäftsführung lag von 1953 an in den Händen von Valeska
Hertz, die ihr Amt nach 32 Jahren 1985 an Ursula
Lückmann übergab.
Reinhart Weiß leitete weitere große Chöre in Dortmund und
Bochum, woraus sich langjährige Chorpartnerschaften entwickelten.
Weitere Zusammenarbeit ergab sich mit Chören der Nachbarkreise (Hagen,
Lüdenscheid, Köln) und der Partnerstädte Waalwijk und Palaiseau.
Privates Engagement führte zudem zu Konzerten in Prag und Paris. Ein
besonderes Ereignis in der Vereinsgeschichte war die Teilnahme des
Musikvereins an dem ZDF-Städtewettbewerb, bei dem Unna als „Kulturstadt
1991“ ausgezeichnet wurde.
Unter Repertoire ist
die Bandbreite der erarbeiteten chorsinfonischen Werke der letzten
Jahrzehnte ablesbar.
Das Jahr 2000 bildete den Auftakt zu nachhaltigen Änderungen: Heinrich Thorwarth feierte in diesem Jahr seinen Abschied aus Unna. Im Jahre 2005 legte Werner Brinkmann anlässlich seines 65. Geburtstages nach mehr als drei Jahrzehnten sein Amt als Vorsitzender des Musikvereins nieder. Im November 2006 beendete Reinhart Weiß nach 39 Jahren mit der Aufführung von F. Mendelssohns „Elias“ seine Tätigkeit als Künstlerischer Leiter des Musikvereins. Mit ihm verabschiedeten wir auch die Pianistin Elena Margolina, die 13 Jahre lang als Korrepetitorin die Chorarbeit unterstützt hatte.
Im Jahre 2005 übernahmen Bettina Großebüter, Dr. Henning Thies und Ursula Lückmann die Verantwortung für die Geschicke des Musikvereins.
Die Nachfolge von Reinhart Weiß trat im Dezember 2006 Dr. Hermann Kruse an.